Kritiken

Im Rahmen des KritikerInnen-Seminars wurden am Eröffnungswochenende unter der Leitung von Manfred Horak (Kulturwoche) Theaterstücke besichtigt und Kritiken zu folgenden Stücken verfasst:


HERR & FRAU SOMMERFLÜGEL / florschütz & döhnert (D)

Herr und Frau Sommerflügel – Theater für die Allerkleinsten – ab 2 Jahren

Heute schon einen Vogel unterm Hut hervorgezaubert? Herzlich willkommen im Zirkus von Herr und Frau Sommerflügel! Aus einem Koffer voll Licht zaubern Michael Döhnert und Melanie Florschütz 35 magische Minuten.

Am Schlagzeug ist die Katze alias der Tiger, die Seiltänzerin ist eine Maus und das Rotkehlchen ist für die akrobatischen Einlagen zuständig. Durch die Zirkusnummern begleiten uns kleine Geschichten: von einem Wal der ein Schiff einfangen möchte, von übermütigen Mäusen, die die Katze necken und von Schmetterlingen, die immer wieder aufs Neue entkommen. Gesprochen wird wenig, mit Voilà und Allez- hopp kommen sie gut durchs Stück. Die Musik wird von Michael Döhnert – Sommerflügel (und der Katze) live gespielt: ein kleines Schlagzeug, ein Xylophon reichen aus, Frau Sommerflügel (und der Vogel) springen mit Mundharmonika und Pfeiferl ein.

Licht und Schatten spielen die eigentliche Hauptrolle, die Tiere sind aus Papier und unterstreichen die Leichtigkeit des Stücks/Spiels. Herr und Frau Sommerflügel tragen beige, sommerliche Kleidung: sie mit schwarzem Zylinder, er mit hellem Strohhut. Und die Hüte sind wichtig: das Grüßen und Begrüßen zieht sich wie ein Refrain durch die halbe Stunde.

Auf poetische und komische Weise hinterlassen Florschütz und Döhnert einen angenehmen Nachsommergeschmack. (Anne Aschenbrenner)

HARALD, DAS WILDE SCHAF / Twof2 & DSCHUNGEL WIEN (A)

Harald, das wilde Schaf – Die Kritik

Schaf und Wolf verbindet laut Nahrungskette naturgemäß eher ein feindschaftliches Verhältnis, weil Schaf hervorragend in das Beuteschema des hungrigen Wolfs passt. Der Wolf alias Ludmilla gibt gleich zu Beginn mit weiblicher rauer Rockstimme lautstark zu verstehen, wer hier das Sagen im Raum hat und manch eine/r jüngeren Alters das Bild des wie erwarteten gefährlichen Wolfes, den Raum verlässt, wenn sie singt: „Ich bin der Wolf, ich bin der Killer, mir gehört der Raum.“ Wölfe sind Killer und Einzelgänger. Schwarz, schnell und gefährlich kennen wir sie aus zahlreichen Märchen und Sagen (Beowulf) und sind nicht gerade mit charmanten Eigenschaften ausgestattet.

Wer oder was bestimmt, was ein Wolf und was ein Schaf ist? Ist ein Schaf immer süß, weiß, romantisch, hat gelbe Zähne und frisst Salat und Gras? Und sind Mensch und Wolf sich sehr ähnlich, weil sie beide das Schaf zum Fressen gern haben? Der Mensch aber hat womöglich von beiden etwas, schließlich macht er sich sowohl Schaf als auch Salat, oder beides, zum Leibgericht.

Vom Erzähler, der auch die Ukulele in der 3-köpfigen Rockband zum Besten gibt, befragt die beiden getrennt voneinander und muss feststellen, dass sich auch das Schaf manchmal als böse und kriminell sieht und der Wolf eigentlich lieber kein Einzelgänger und dafür eine Schafswolke wäre. Im Live-Act entpuppt sich das Schaf als leidenschaftlicher E-Bass-Spieler und rockt mit den anderen als „Schafsrockband den Wald“.

Im performativen Raum bewegt sich das Künstlerkollektiv TWOF2 ungezwungen und teilweise spontan. Zum jeweiligen Habitus und Gefühlsstand von Schaf und Wolf entstehen in einer großzügig angelegten Bewegungssequenz stillgestellte, poetische Bilder. Das Schaf und der Wolf müssen sich auf die Suche nach ihren Träumen und Sehnsüchten begeben und merken, dass sie dabei nicht allein sind. Ein Polster wird zum Flugobjekt für den Wolf und in der Begegnung mit Harald, dem Schaf, zur Schafswolke, oder vielleicht auch zu etwas anderem.

Bewegung wird zum Bild und Bilder werden zu Worten oder Musik. Der fließende Übergang zwischen den medialen Erzählformen- und Instanzen und die offene assoziative Form laden zum gedanklichen Flanieren und Kreieren von Bilderwelten in Erinnerung und Fantasie ein. Die Anregungen aus dem Bühnenraum und die unkonventionelle Umsetzung wurden vom Publikum von Groß bis Klein (ab 6) dankend angenommen und mit dementsprechend begeistertem Feedback im Publikumsgespräch honoriert. (Kathrin Blasbichler)


NACHBAR AUF URLAUB / PLAN-D (NL)

Nachbar auf Urlaub bei Szene Bunte Wähne – die Kritik

Andreas und Jordi fahren auf Urlaub – mit einem grasgrünen VW-Käfer und einem Anhänger voll Gepäck. Auf dem Parkplatz vom Verschönerungsverein in Horn kommen sie schließlich zum Stehen: eine Panne. Das Auto ist entzwei gebrochen. Aber kein Grund zur Sorge, schließlich ist genug Werkzeug an Bord. Mit vielen komischen Tanzeinlagen machen sie sich an die Arbeit, mit Erfolg – auch wenn das Auto dann am Ende ein wenig anders aussieht.

Mit Auto, Werkzeug und allerhand Kramuri erzählen Andreas Denk (Niederlande; er war mit seiner Tanzkompanie Plan – D in der vergangenen Saison mit dem Stück Santa Sangre und das Schwert des Damokles im Dschungel Wien zu Gast) und Jordi Casanovas (Spanien) die Geschichte von den beiden Nachbarn auf Urlaub und verblüffen ihr Publikum jede Minute auf Neue. Die Urlaubsmusik (unter anderem Adriano Celentano) kommt, wie könnte es anders sein, aus dem Autoradio, streckenweise spielen die Darsteller selbst: auf Tuba und Trompete. (Anne Aschenbrenner)

DAS HAUS HEULT / Kopergietery (B)

Szene Bunte Wähne: Ein Haus das heult – die Kritik

Kein großes Spektakel, sondern eine kleine Geschichte, wie sie wirklich passiert ist, und wie sie vielleicht immer wieder passieren kann.

Ein Mädchen, dessen Leben in zwei Stücke gerissen ist. Ein Teil ist in Afrika geblieben, der andere ist mit der Mutter nach dem Tod des Vaters nach Belgien gezogen. Afrika ist groß und voller Farben, hier in Belgien ist alles irgendwie mini und schwarz weiß. Afrika hat viele Düfte, Belgien riecht nur nach nassem Regen.

Die Erinnerung an den sanften und gutmütigen Vater ist wie ein Haus, in dem sich das Pausbäckchen einrichtet, aber es ist ein Haus das heult. Die Ameise ist der Reiseführer und nachts wenn das Mädchen nicht schlafen kann, wandern sie gemeinsam durch das Haus. Die Insekten, die darin wohnen  versuchen das Mädchen zu trösten: „Ich will auf ewig deinen Kummer tragen“, sagt Vanessa, der Tagfalter. Der Regenwurm, der das abgehackte Ende einfach hinter sich lassen kann (“Das kann ich nicht.”). Im Stück offenbart sich die ganze Weite der kindlichen Logik: wenn der Wurm durch die Erde kriecht, die den toten Vater bedeckt, und ein Vogel den Wurm frisst und der Vogel auf die Wiese gackt, und die Kuh das Gras frisst wo der Vogel hingemacht hat, und die Kuh, dann Milch gibt, die das Mädchen trinkt, dann endlich ist der Vater wieder ein Teil der Tochter geworden …

Die autobiografische Geschichte ist in Belgien als Bilderbuch erschienen, auf der Bühne steht die Autorin selbst, Michelle Adrianse. Die Inszenierung (Konzept Michelle Adrianse und Ilse Roman,; Regie: Ilse Roman) wird durch den Text getragen, projizierte Bilder auf Boden und Wand begleiten die Erzählung. Wunderschön gelungen ist vor allem der Schluss: als das Mädchen von der Bühne geht, bleibt ihr Schatten zurück. (Anne Aschenbrenner)

M2 – METER ZUM QUADRAT / CIE. EA EO (B)

M² – Meter zum Quadrat bei Szene Bunte Wähne – die Kritik

Mit begeistertem Applaus wurde die Eröffnungsvorstellung des 21. Szene Bunte Wähne Theaterfestivals vom überwiegend erwachsenen Publikum aufgenommen. Verantwortlich dafür sind die vier jungen Männer der belgischen Jonglage- und Akrobatiktruppe CIE. EA EO (Eric Longequel, Sander De Cuyper, Jordaan De Cuyper und Bram Dobbelaere). Mit Können und Witz schaffen sie es das Publikum von Anfang an zu fesseln. Wer jedoch glaubt, dass es sich bei „M²“ um eine reine Akrobatiknummer handelt, wird gleich zu Beginn eines Besseren belehrt. CIE. EA EO benützen ihre artistischen Fähigkeiten um eine Geschichte zu erzählen. Auf unterschiedlichste Weise zeigen sie den  Zuschauer/innen, wie schwer es manchmal sein kann in der Gruppe seine eigene Identität zu bewahren. Vollkommene Distanzlosigkeit oder  Ausschluss aus dem Team – dazwischen gibt es selten etwas. Das dies zu Aggression und Gewaltausbrüchen führt, liegt auf der Hand. Doch die anderen ziehen einen immer engeren Kreis um einen. Zum Schluss bleibt nur mehr der Ausbruch aus der Gemeinschaft.

Innerhalb von 60 Minuten schlüpft jeder der vier Artisten mindestens einmal in die Rolle des Einzelgängers, der seine Persönlichkeit (gegenüber den anderen) behaupten muss. So tanzt einer von ihnen hinter den Rücken der anderen gegen den Takt, während seine Kollegen der strengen „Kapuzenjacken-Choreographie“ – Ärmel rauf, Ärmel runter – folgen.  Ein anderer zieht sich sogar aus und der dritte versucht seinen Jonglierkegel zu verteidigen, den er auf der Stirn balanciert. Es ist unterhaltsam den jungen Männern zuzusehen, wie sie mit humorvollen,  akrobatischen Einlagen aber auch dem Zitieren von persönlichen Grundregeln, versuchen ihren persönlichen Raum abzustecken. Doch je enger dieser wird, desto mehr sind die Männer bereit ihn mit Gewalt zu verteidigen. Begünstigt wird dies dadurch, dass immer mehr lose Bühnenbretter herausgerissen werden, bis sich alle vier nur mehr auf einem Quadratmeter befinden und zu viert mit einem Ball jonglieren. Einem ist es schließlich zu viel, er springt aus dem Quadrat. Black.

„Meter zum Quadrat“ ist eine kurzweilige, temporeiche und amüsante Produktion. CIE. EA EO bietet „Artistentheater“ auf höchstem Niveau und schafft es gekonnt, neben spaßigen Einlagen nicht die Handlung aus den Augen zu verlieren. Empfehlenswert. (Maria Weber)

M2: Der Kampf um Individualität kunstvoll verpackt in Akrobatik und Jonglage

Große Bühne. Schwarzer Hintergrund. Holzboden. Kegel und rote Bälle an den Seitenrändern. An Drahtseilen befestigt hängen weiße Sweatshirts von der Decke. 4 junge Männer sitzen auf der Bühne. Keiner scheint recht zu wissen, wie sie nun anfangen sollen, beziehungsweise was sie mit sich selbst und miteinander anfangen sollen. Sie zanken, sie necken sich, sie mögen sich. Es funktioniert kein Mit- und auch kein Ohneeinander. Klar ist nur, dass sie alle, jeder für sich für Individualität kämpfen, wenn das einen Sinn ergibt. Ja, es ist ein Widerspruch in sich, der aber auch den Reiz des Stücks in sich verborgen hält. In ihrer Vorstellung, im Rahmen des Theaterfestivals „Szene Bunte Wähne“, haben die vier charismatischen Akrobaten der belgischen Gruppe CIE. EA EO das Publikum schnell für sich gewinnen können. Ja, sogar die Kleinsten haben sie zum Lachen gebracht. Sie beeindruckten mit ihren Kunststücken und sorgten auch für einen richtigen Oho-Effekt, als einer der jungen Herren es wohl zu gut mit der Individualität meinte und plötzlich nackt auf der Bühne stand. Definitiv ein Highlight des Festivals 2011. (Jutta Steiner)

THE LOSERS’ CLUB / DSCHUNGEL WIEN & Theatre Laboratory Open Circle

„The Losers´ Club“ beim Szene Bunte Wähne Theaterfestival – die Kritik.

Acht Teenager – sie sind unterschiedlich, doch haben sie eines gemein: die Sehnsucht nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Freiheit, nach Anerkennung. Sie gehören alle zum

„The Losers´Club“, der ersten Zusammenarbeit zwischen dem Theatre Laboratory Open Circle und dem Dschungel Wien.

Beim Betreten des Saales fällt die Bühne sofort ins Auge: auf der Bühne verteilte Mikrofonständer und Instrumente und Sessel erinnern an ein Aufnahmestudio oder eine Konzertbühne. Zwischendrin liegen acht Basketballbälle, die während der Aufführung immer wieder zum Einsatz kommen. Über den Köpfen der Darsteller/innen hängt wie ein Damoklesschwert ein Leuchtschild: The Losers´ Club. Loser – als solche sehen sich die Protagonist/innen selbst und gegenseitig. Selbstzweifel und Selbsthass, die in Aggression und Gewalt gegenüber den anderen umschlagen, bestimmen ihre Gefühlswelt. Das wird den Zuschauer/innen zumindest vermittelt. Jeder Einzelne der Jugendlichen zeigt im Laufe der Handlung einen kleinen (trüben) Ausschnitt aus seinem/ihrem Leben, der von den anderen „Clubmitgliedern“ unterbrochen wird und meistens in Streit endet. Jede Geschichte ist anders und doch überschneiden sie sich: Liebeskummer, Unsicherheit, physische und psychische Gewalt, die Sehnsucht nach einem geliebten Familienmitglied, das Gefühl der Wertlosigkeit, alleine und nicht geliebt zu sein und vor allem die Wut nicht ernst genommen zu werden bilden die Schnittpunkte in den einzelnen Erzählungen. Ausdruck verleihen sie ihren Emotionen durch die Musik: einmal laut und wild, ein andermal schräg und grotesk anmutend, dann wieder behutsam und leise.

Trotz Streitigkeiten und zum Teil gegenseitiger Geringschätzung finden sie zum Schluss doch alle (immer wieder) zusammen. Schließlich gehören sie alle zum Losers` Club.

Ernst genommen werden – das ist der primäre Wunsch der acht Teenager aus „The Losers´Club“ unter der Regie von Stephan Rabl. Doch leider genau das ist stellenweise schwer nachzuvollziehen. Sind einige Szenen von einer leisen, aber starken Intensität geprägt, die berührt – vor allem den Darstellerinnen Agné Kaktaité, Vestute Sumilovaité, Judita Urnikyté und Benita Vasauskaité gelingt es dies gekonnt umzusetzen – wirken andere hingegen platt und dem Klischee verfallen. Das sticht besonders dann heraus, wenn die Jungen bzw. Mädchen unter sich sind. Statt authentisch zu wirken, mutet es leicht grotesk an. Eine erfrischende Idee wiederum ist die Einflechtung von Musik als bindendes Element, die die Darsteller/innen live zum Besten geben. Leider ist diese manchmal zu laut, so dass manche Zwischenrufe der Protagonist/innen nicht oder nur schwer zu verstehen sind. „The Losers´ Club“ ist ein ambitioniertes Stück mit spannenden Ideen und einem engagierten Ensemble, das sich jedoch im Verlauf der Handlung etwas verliert und nicht mehr wieder findet. Schade. (Maria Weber)

The Losers’ Club: Teenies in ihrer schlimmsten Form und eine Seelenkrise, die der nächsten folgt

Basketballbälle, Sessel und Instrumente liegen auf der Bühne bereit. Nach und nach kommen die acht jungen Schauspieler/innen des „theatre laboratory open circle“ auf die Bühne und sorgen mit ihrem Auftreten und Aussehen für eine Highschool-Atmosphäre, wie man sie aus Filmen kennt. Es ist kaum zu übersehen, noch zu überhören, dass sich bei den jungen Erwachsenen so einiges angestaut hat. Man findet Teenager in ihrer schlimmsten Form vor. Es wird gemobbt, gekreischt, gelacht und geweint. Eine Seelenkrise folgt der nächsten. Die uns nur all zu gut bekannten Probleme der Teenies (aus Buch, Film und Leben) sind zusammengebündelt in „The Losers Club“ (Regie: Stephan Rabl) zu finden. Hier wird kaum etwas ausgelassen: Der Außenseiter, der von den coolen Jungs zusammengeschlagen wird und vom Mädchen seiner Träume keine Beachtung geschenkt bekommt. Gewalttätige und/oder alkoholkranke Elternteile. Das uncoole Mädchen, weil es keine Markenklamotten trägt. Und wäre die Situation nicht schon schlimm genug, werden sie dazu auch noch nicht ernst genommen und müssen sich stets behaupten. Gegenüber ihren Eltern, den Lehrern, dem anderem Geschlecht und überhaupt gegenüber der ganzen Welt. (Jutta Steiner)

HELDiNNEN / t’eig & uniT (A)

HeldInnen bei Szene Bunte Wähne: Die Kritik

Postideologisches Heldentum und pseudo-Individualismus brauchen neue HeldInnen:  Eine Koproduktion von t’eig und uniT präsentiert das Stück „helden“ (15+) von Ewald Palmetshofer.

Gemäß den Prinzipien der Basisdemokratie hat das Publikum die Wahl: Entweder führt Superheld Ed Elektrisch alias Eduard Haberl eine Soziostudie im Publikum durch oder imitiert Klaus Kinski. „Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?“ „Wäre ein Seitensprung ein Trennungsgrund für Sie?“ Vorgeführt wird von ihm beides und der Mime im gelben Superhelden-Outfit, gemalte Maske im Gesicht inklusive, erntet für die humorvolle Einlage mit Talkshow- bzw. Castingshowcharakter regen Applaus. Schließlich haben es HeldInnen von heute nicht mehr so leicht: Bösewichte und Feindbilder müssen erst erfunden werden und die Reibung mit der Elterngeneration war auch mal stärker. Die Erzeuger wollen nur das Beste für ihre Kinder und die Selbstverwirklichung steht hoch im Kurs. Das Beste wird mit sozialer und finanzieller Absicherung gleichgesetzt, was mit Bemühen und Flexibilität durchaus zu erreichen sei und sonst soll sich Mann/Frau einfach mit einem Coaching für private Unzulänglichkeiten helfen lassen. Wofür lohnt es sich heute zu kämpfen, wenn Gleichberechtigung und demokratische Freiheit längst erkämpft wurden und die Mutter sich derart liberal gibt, dass sie sich überaus darüber freut, wenn die Tochter so richtig guten Sex mit ihrem Freund hat.

Die soziopolitischen Themen rund um Wohlstandsgesellschaft, in der Erfolg hat, wer eine „Integrationsnutte“ aus sich macht, sind zwar keine Neuheiten, aber dafür umso mehr dafür die ästhetischen Mittel der Umsetzung. Das Spiel mit politischen, sozialen und familiären Klischees gewinnt dann an Aufmerksamkeit, sobald das Stück anhand eines vertrackten Spiels mit Rollen kontinuierlich gebrochen wird. In der Tradition des Zeigen-Gestus verweisen die Darsteller auf ihre eigene Rolle und Person dahinter. Nacheinander stellen sich die Mimen in autobiografischen Einlagen innerhalb des Stücks vor. Für Anna Automatisch ist die Schauspielerei zugleich „Urlaub von sich selbst nehmen und trotzdem ganz DA zu sein“. Mutig und progressiv wird mit dem Aufheben der Grenzen zwischen Fakt/Fiktion, Autobiografischem und Rollenvorlage, Zuschauer/Darsteller, siehe Guckkastentheater, gespielt.

Auch wenn manche Passagen etwas zu langatmig geraten sind, was auch die Darsteller am Ende selbstironisch erwähnen, oder mancher Gimmick im Laufe des Stücks an Wirksamkeit verliert, sind es vor allem die offene Annäherung an experimentelle ästhetische Mittel und die pralle Ladung Energie der SuperheldInnen, die dem Stück Leben einhauchen. Die Darsteller erweisen sich als gut eingespieltes Team und bieten als Laien-Darsteller eine respektable Leistung in dem 90-minütigen temporeichen Stück, dessen beste Moment am Schluss zu finden ist: Anstelle eines hochdramatischen, explosiven Endes wird ein kitschiges, dilettantisches Singen von „We are the world“ in aller Selbstironie, die es am Ende in die Persiflage des eigenen kippen lässt, bevorzugt. Hätte Brecht bei aller Gesellschaftskritik und allem Selbstbezug ein moralisches Sinnangebot gefehlt, steht das Stück mit dem ständigen Brechen der Erwartungshaltung im Zeichen der Brechtschen Erben wie etwa Rimini Protokoll, bei denen die Anti-Illusion als Überlappung von scheinbaren Gegensätzen und der Spiel mit Authentizität und Rolle im Vordergrund stehen. HeldInnen, die sich selbst und auch den Rest der Welt nicht zu ernst nehmen, werden in dieser „Welt, in der alles und jede/r gecoacht wird“, dringend gebraucht, denn der eigene, lustvolle und experimentierfreudige Zugang zu den Dingen wirkt als Superkraft vielleicht Wunder gegen den Imperativ neoliberaler Subjektivierung. (Kathrin Blasbichler)

IN MIR IST EIN TORNADO / Christina Scheutz (A)

In mir ist ein Tornado – die Kritik

Jacqui ist gut, wirklich gut. In allem. Jacqui ist schon perfekt auf die Welt gekommen. Nur: je länger die Zeit verstreicht … die Mitte der Dinge liegt ihr einfach nicht.

Jacqui fällt und steht wieder auf. Steht auf, um wieder fallen zu können. Sie zerschlägt Glas und steigt mit den nackten Füßen drauf herum bis ihre Füße blutig sind. Jacqui steckt den Kopf in den Ofen. Jacqui geht an den Fluss um sich trösten zu lassen. Jacqui hat Visionen im Hirn, vom Lachen, von einem unbeschwerten Zusammensein mit ihren Freunden.

Jacqui lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft, gemeinsam mit ihrem Freund Louie, der auch Probleme hat und sie dann immer wieder aus einem Tief raus holt, und Yvanna, die eine Rocksängerin werden will und der manchmal die Stimme versagt. Jacqui ist psychisch krank. Wer ist jetzt aber wirklich verrückt? Menschen, denen es die Sprache verschlägt? Die ihre Mitte nicht immer spüren können? Die nicht wissen, was ihre Zukunft bringt? Die traurig sind und wütend? Die nahes plötzlich fremd empfinden?

Christina Scheutz (Jung Wild Theaterpreis 2010) zeichnet in ihrem neuen Stück ein sehr krasses und konträres Bild von einer Welt, in der die Grenzen zwischen Wahnsinn und Normalität gut ausformuliert sind. Psychisch Kranke, die in betreuten Wohngemeinschaften einen Alltag bewältigen lernen, finden sich ganz automatisch und ganz logisch am Rand unserer Gesellschaft. Und auf der anderen Seite – die “Normalen”, das Gros unserer Gesellschaft, die alles feiert bis zum Abwinken: ein bisschen mehr Spaß bitte. Was los ist? – Alles ist los! Und drum steckt Jacqui den Kopf in den Ofen. (Anne Aschenbrenner)